Erzählung

Die Geburt des Ichs und sein blaues Auge

4 Min. Lesezeit873 Wörter

Kant: Ohne Ich keine Erfahrung Fichte: Ohne Ich keine Welt Hegel: Ohne Prozess kein Ich

Kants Ich lebte in einem Glastank. Es konnte hinaussehen, Wahrnehmungen verbinden und alles zuverlässig in Kategorien einordnen.

„Ohne mich“, sagte es, „gäbe es keine zusammenhängende Erfahrung.“

„Aber woher kommst du?“, fragte Fichte.

„Das ist nicht meine Frage“, antwortete Kant. „Ich muss vorausgesetzt werden. Sonst wären die Wahrnehmungen ein ungeordnetes Gewimmel, das niemand als seine Erfahrung denken könnte.“

Kant erklärte nicht, wie das Ich entstand. Es war schon da: unsichtbar, transzendental und notwendig. Es machte aus den Eindrücken eine gemeinsam erkennbare Welt. Kant rettete die Objektivität. Nur der Retter selbst blieb hinter Glas.

Fichte missfiel das.

„Ein Ich darf nicht einfach fertig vorausgesetzt werden. Man muss zeigen, wie es sich hervorbringt!“

„Und wie tut es das?“

Fichte sprang auf.

„Indem es handelt.“

Er machte einen entschlossenen Schritt.

„Ich setze mich.“

„Wer setzt wen?“, fragte Kant.

„Das kannst du erst hinterher unterscheiden. Zuerst ist die Tätigkeit. Indem sie auf sich selbst zurückgeht, entsteht Bewusstsein. Und aus diesem Bewusstsein geht das Subjekt hervor.“

Fichte schrieb an die Tafel:

Tätigkeit → Bewusstsein → Subjekt

„Das ist genetische Logik. Das Ich ist nicht zuerst ein Täter, der danach etwas tut. Im Tun bringt es sich selbst als Täter hervor. Die Tathandlung erschafft ihren Urheber gleich mit.“

„Als würde sich jemand an den eigenen Haaren aus dem Nichts ziehen“, bemerkte Kant.

„Nicht aus dem Nichts“, sagte Fichte. „Aus Freiheit.“

Dann setzte das Ich sich ein Nicht-Ich entgegen, damit es etwas zu überwinden habe. Bald war das Zimmer voller Ichs und Nicht-Ichs. Jedes Ich erklärte sich zum Ursprung seiner Welt. Es entstand eine beträchtliche Viel-Icherei.

Fichte hatte die Autorschaft gerettet. Nun blieb nur die Frage, warum all die Autoren nicht dieselbe Geschichte schrieben.

Da kam Hegel herein.

Er betrachtete Kants fertiges Ich im Glastank und Fichtes Ich, das sich durch rastlose Tätigkeit selbst erzeugte.

„Ihr beginnt beide mit einem einzelnen Ich“, sagte er. „Der eine setzt es voraus, der andere lässt es sich selbst setzen. Aber ein wirkliches Ich entsteht nicht allein.“

„Ich brauche niemanden“, sagte Fichtes Ich. „Ich bin mein eigener Grund.“

„Das sagen die anderen auch“, erwiderte Hegel. „Und genau deshalb brauchst du sie.“

Er führte das Ich auf die Strasse. Dort begegnete es einem anderen Ich. Das erste wollte als frei anerkannt werden. Das zweite wollte dasselbe.

„Du sollst bestätigen, dass ich ein selbständiges Ich bin“, verlangte das erste.

„Gern“, sagte das zweite, „sobald du bestätigst, dass ich eines bin.“

Beide schwiegen.

Dann schlugen sie einander.

Am Abend kam das erste Ich mit einem blauen Auge zurück.

„Was ist geschehen?“, fragte Kant.

„Ich habe die Wirklichkeit erfahren.“

„Dann war das Geschehen wenigstens kausal geordnet“, sagte Kant.

„Du hast dir den Widerstand selbst gesetzt“, erklärte Fichte.

„Nicht ganz“, widersprach Hegel. „Der andere war kein blosses Nicht-Ich. Er war selbst ein Ich. Darum konnte er zurückschlagen.“

Hegel legte dem Verletzten ein kaltes Tuch aufs Auge.

„Du wolltest unabhängig sein und hast gerade dadurch deine Abhängigkeit vom anderen entdeckt. Denn niemand kann sich selbst Anerkennung geben. Du kannst dich nur als freies Ich wissen, wenn ein anderes freies Ich dich anerkennt – und wenn du es ebenfalls anerkennst.“

„Dann ist mein blaues Auge die Wahrheit?“

„Noch nicht“, sagte Hegel. „Es ist zunächst die Negation deiner eingebildeten Selbständigkeit.“

„Und was kommt danach?“

„Du musst begreifen, dass der Widerspruch dich nicht bloss zerstört. Er verändert dich. Du kehrst aus ihm zu dir zurück – aber nicht als derselbe, der du vorher warst.“

Kant trat näher an die Glaswand. Fichtes Ichs hörten für einen Moment auf, sich selbst zu setzen.

„Das Ich“, fuhr Hegel fort, „ist kein fertiger Punkt. Es ist eine Bewegung: Es geht aus sich heraus, begegnet sich im Fremden und kehrt verändert zu sich zurück.“

Er schrieb an die Tafel:

An-sich → Für-ein-Anderes → Für-sich

„Und wo kommt der Geist ins Spiel?“, fragte Kant.

Hegel zeigte auf die Strasse. Dort arbeiteten Menschen, stritten, versprachen einander etwas, gründeten Familien, erfanden Gesetze, bauten Spitäler, schrieben Bücher und entwickelten sorgfältige Vorschriften für die Verteilung von Kühlbeuteln.

„Das ist der Geist.“

„Die Kühlbeutelverwaltung?“

„Auch sie – sofern sich darin eine gemeinsame Ordnung ausdrückt.“

Der Geist, erklärte Hegel, sei kein Gespenst, das über den Menschen schwebe. Er entstehe zwischen ihnen: in Sprache, Arbeit, Sitte, Recht, Institutionen und gemeinsamem Wissen. Was der Einzelne denkt und wer er ist, hat er nicht allein hervorgebracht. Er findet eine Welt vor, in der frühere Menschen ihre Erfahrungen bereits niedergelegt haben.

„Der Geist ist das Ich, das zum Wir geworden ist“, sagte Hegel, „und das Wir, das in jedem Ich zu sich kommt.“

Das Ich sah wieder in den Spiegel. Im blauen Auge erkannte es nicht nur sich selbst. Es erkannte auch den anderen, den Streit, das Gesetz gegen Körperverletzung, die medizinische Versorgung und die gesellschaftlich anerkannte Bedeutung eines Kühlbeutels.

Sein Bewusstsein war nicht mehr bloss persönlich. In ihm hatte eine ganze geschichtliche Welt Spuren hinterlassen.

Kant hatte die Objektivität gerettet.

Fichte hatte die Autorschaft gerettet.

Hegel zeigte, dass weder Objektivität noch Autorschaft einem einsamen Ich gehören. Sie entstehen geschichtlich zwischen Menschen und werden in einer gemeinsamen Welt gegenständlich. Das einzelne Bewusstsein ist ein Augenblick, in dem der Geist sich selbst erkennt.

„Ohne Prozess“, sagte Hegel, „kein Ich.“

„Ohne andere“, ergänzte das Ich, „kein Selbstbewusstsein.“

„Und ohne Institutionen?“, fragte Kant.

Das Ich hielt den Kühlbeutel hoch.

„Kein Geist mit Kassenleistung.“