Die Geschichte schreibt keine Kapitel. Sie schreibt Palimpseste. Sie trägt auf, sie schabt ab, sie überschreibt; und wo später ein sauberer Satz steht, hat früher vielleicht eine gefährliche Wahrheit gelegen. Meist ist sie nicht widerlegt worden. Man hat sie nur unleserlich gemacht.
Man muss wissen, dass Benjamin Motte nicht bloss jener harmlose Drucker war, der Swifts Gulliver’s Travels ans Licht der Öffentlichkeit brachte und Newtons Principia dem englischen Publikum erschloss. Hinter der Fleet Street, wo seine Druckerei zwischen Kaffeehaus und Kanzlei stand, betrieb er ein zweites Gewerbe: die heimliche Kunst des Verstümmelns. Motte führte die Schere mit jener ruhigen Hand, die man sonst nur bei Chirurgen und Zensoren findet. Er strich, ergänzte, glättete. Was ihm zu scharf erschien, machte er stumpf; was zu deutlich war, dunkel; was gefährlich lebte, liess er redaktionell sterben.
Newton soll er um entscheidende Randbemerkungen gebracht haben. Swift klagte über „mangled and murdered pages“ – Seiten also, die nicht einfach gekürzt, sondern zugerichtet und ermordet worden seien. Das Wort war wohlüberlegt. Denn ein Text kann ebenso gewaltsam sterben wie ein Mensch, nur dass man seine Leiche später unter dem Titel „autorisierte Ausgabe“ verkauft.
Seit Langem geht das Gerücht, Motte habe ganze Reisen Gullivers unterschlagen. Man sprach von einer Fahrt zu den Neutrallern, von den Pathologern, die Krankheiten wie Münzen prägten, von den Codexianern, die jeden Schmerz erst anerkannten, nachdem er im grossen Buch eine Nummer erhalten hatte. Swift, so hiess es, habe darin die geheime Anatomie der gelehrten Medizin freigelegt. Motte aber stand einer Gesellschaft nahe, die bald mit dem College of Physicians, bald mit einem dunkleren Collegium Pathologicum in Verbindung gebracht wurde. Dieses soll nachts in den Hinterzimmern der Londoner Kaffeehäuser getagt haben. Seine Mitglieder trugen keine Masken. Ihre Ämter genügten.
Von jenen Kapiteln war nichts erhalten – bis vor wenigen Jahren in einem zerfledderten Konvolut, das hinter Rechnungen für Papier und Russ lag, mehrere sonderbar nummerierte Bogen entdeckt wurden. Oben auf dem ersten Blatt stand in Mottes Hand: Nicht drucken. Weder die Ärzte noch die Wissenschaftler werden darüber lachen.
Darunter begann Gullivers Bericht.
Nach meiner Rückkehr aus dem Lande der Houyhnhnms hatte ich mir fest vorgenommen, niemals wieder ein Schiff zu besteigen. Ich hielt diesen Vorsatz sieben Monate, elf Tage und ungefähr vier Stunden, was für einen Seemann eine beträchtliche Ewigkeit bedeutet. Dann trat ein Kaufmann namens Josiah Blemish an mich heran. Er besass ein Schiff von zweifelhaftem Alter und tadellosen Papieren. Da die Ladung aus Messinstrumenten, Registrierbüchern und vierzigtausend unbeschriebenen Formularen bestand, schien die Reise wenig gefährlich. Ich irrte.
Am siebenundzwanzigsten Tag gerieten wir in einen Sturm. Der Wind kam gleichzeitig von Osten und Westen, als habe er zwei einander widersprechende Verordnungen erhalten. Unser Kapitän versuchte, beiden zu gehorchen. So verloren wir erst den Mast, dann die Richtung und zuletzt das Vertrauen in seine Leitung.
Am Morgen fand ich mich allein in einem kleinen Boot wieder. Das Meer war glatt geworden. Gegen Mittag sah ich eine niedrige Küste, hinter der sich weisse Gebäude erhoben. Sie waren sämtlich gleich breit, gleich hoch und in gleichen Abständen errichtet. Kein Baum ragte über den anderen hinaus. Kein Weg bog ab, ohne dass dies zuvor auf einem Schild vermerkt worden wäre.
Am Ufer standen drei Männer. Sie trugen graue Gewänder und hielten Schreibtafeln in der Hand. Als ich aus dem Boot stieg, kam keiner mir entgegen. Der Älteste schrieb:
„Fremder Körper erreicht Küstenlinie.“
„Ich bitte um Hilfe“, sagte ich.
Die drei berieten sich.
„Was bedeutet Hilfe?“, fragte schliesslich einer.
„Ich bin erschöpft, hungrig und vermutlich krank.“
Bei diesem Wort traten sie einen Schritt zurück.
„Krank“, wiederholte der Älteste. „Ist das der Name deines Volkes?“
„Nein. Es bedeutet, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmt.“
Nun sahen sie einander mit jener Geduld an, die Gelehrte gegenüber einem Irrtum zeigen, den sie nicht für interessant genug halten, um ihn zu widerlegen.
„Dein Körper“, sagte der Älteste, „befindet sich gegenwärtig aufrecht am Strand. Seine äussere Hülle ist feucht. Die Stimme ist schwach. Die Augen zeigen Rötung. Dies alles stimmt vollkommen mit dem überein, was wir beobachten.“
„Aber es sollte anders sein.“
Auf diesen Satz folgte eine lange Stille. Der Jüngste liess beinahe seine Tafel fallen.
„Sollte?“, fragte er.
So kam ich in das Land der Faktoliten.
Vom bemerkenswerten Zustand dieses Volkes
Die Faktoliten nannten sich selbst die Bewohner der Tatsache. Fremde bezeichneten sie auch als Neutraller, weil sie in allen Fragen, die ein Urteil erforderten, eine bewundernswerte Unparteilichkeit bewahrten. Sie unterschieden weder das Gute vom Schlechten noch das Gesunde vom Kranken, wohl aber siebzehn Arten des Sitzens und vierunddreissig Grade der Hautfeuchtigkeit.
Ihre Sprache kannte keine wertenden Wörter. Niemand war schön oder hässlich, klug oder töricht, glücklich oder verzweifelt. Ein Mensch war gross, sprach wenig, bewegte sich rasch oder blickte während einer festgesetzten Zeitspanne gegen die Wand. Alles liess sich beobachten. Nichts durfte gelten.
Es wurde mir ein Begleiter zugeordnet , ein Chronist namens Factualis. Er führte mich in die Hauptstadt Statalis. Unterwegs kamen wir an einem Mann vorbei, der reglos in der Sonne lag.
„Ist er tot?“, fragte ich.
„Seine Atmung ist seit gestern nicht mehr festgestellt worden.“
„Dann ist er tot.“
„Du urteilst sehr schnell.“
Ich kniete nieder. Der Mann war kalt, seine Augen starr.
„Er lebt nicht mehr.“
Factualis machte eine Notiz.
„Fremder behauptet Abwesenheit eines nicht definierten Zustandes.“
Einige Schritte weiter trug eine Frau zwei schwere Körbe einen Hügel hinauf. Sie ging kräftig und sang.
„Diese Frau“, sagte ich, „scheint gesund.“
„Nein“, erwiderte mein Begleiter. „Sie ist tragend, steigend und singend.“
„Und jener Mann dort?“
Ein alter Bürger stand gebeugt an einer Mauer und presste beide Hände gegen seinen Rücken.
„Bei ihm wurde eine begrenzte Bewegungsweite der Wirbelsäule festgestellt.“
„Er hat Schmerzen.“
„Er zeigt Spannung in der hinteren Tragefläche.“
„Fragen Sie ihn doch!“
Factualis wandte sich an den Mann.
„Welche Vorgänge können an Ihrer hinteren Tragefläche protokolliert werden?“
Der Mann keuchte. „Es zieht. Es brennt. Ich kann kaum stehen.“
Der Chronist schrieb sorgfältig.
„Subjektive Angabe eines ziehenden und brennenden Vorgangs bei fortbestehender, jedoch eingeschränkter Aufrichtung.“
„Und was tun Sie nun?“
„Ich habe es eingetragen.“
„Aber er leidet!“
Der Alte blickte mich erschrocken an. Factualis hingegen wurde bleich.
„Dieses Wort“, flüsterte er, „solltest du hier nicht gebrauchen.“
Später erklärte er mir, Leiden sei aus ihrer Sprache entfernt worden. Es enthalte, wie ihre Philosophen herausgefunden hatten, eine unzulässige Vermischung von Empfindung und Urteil. Man dürfe von Druck, Hitze, Stechen, Zittern oder Dunkelheit vor den Augen sprechen. Zu behaupten, diese Wahrnehmungen seien schlecht, stelle jedoch einen Angriff auf die Neutralität der Wirklichkeit dar.
„Wenn ein Messer in meinem Bauch steckt“, sagte ich, „ist das nicht bloss eine Wahrnehmung.“
„Richtig“, antwortete Factualis. „Es ist zusätzlich ein örtliches Verhältnis zwischen Metall und Bauch.“
Warum es bei den Factoliten keine Ärzte gibt
In Statalis zeigte man mir das ehemalige Haus der Heilkunst. Es war ein prächtiges Gebäude, dessen Eingang zugemauert worden war. Über dem Portal konnte man noch eine verwitterte Figur erkennen: eine Frau, die sich über einen Verwundeten beugte. Die Faktoliten fanden dieses Bild unanständig, da die geneigte Haltung der Frau eine Bevorzugung des am Boden Liegenden andeutete.
Früher, so berichtete Factualis, habe es auch bei ihnen Ärzte gegeben. Diese hätten jedoch behauptet, gewisse körperliche Zustände seien anderen vorzuziehen. Sie hätten Fieber senken, Wunden schliessen und gebrochene Knochen zusammenfügen wollen. Darin erkannten die Philosophen eine gefährliche Anmassung. Denn wer einen Knochen richte, müsse voraussetzen, dass ein ganzer Knochen besser sei als zwei halbe. Diese Behauptung liess sich zwar im Alltag leicht verstehen, aber philosophisch nicht endgültig beweisen. Also verzichtete man auf sie.
Die Ärzte wurden zuerst beaufsichtigt, dann beraten, darauf neu organisiert und zuletzt abgeschafft.
Ihre Stelle nahmen die Deskriblianer ein, hochgebildete Männer und Frauen, die nichts behandelten, aber alles beschrieben. Sie waren Meister der reinen Beobachtungssprache. Einer von ihnen konnte drei Stunden über eine offene Wunde sprechen, ohne Blut, Schmerz oder Gefahr zu erwähnen. Ein anderer hatte ein siebenbändiges Werk über das Hinken verfasst, doch nie einem Hinkenden einen Stock gereicht, weil dies das ursprüngliche Gangbild verfälscht hätte.
Die vornehmsten unter den Deskriblianern hiessen Positivisten. Sie trugen silberne Linsen vor den Augen und glaubten nur, was sich zählen liess. Was nicht gezählt werden konnte, galt als nicht vorhanden; was falsch gezählt wurde, dagegen als wissenschaftlich gesichert.
Ich durfte einer ihrer Sitzungen beiwohnen.
Ein Kind lag auf einem langen Tisch. Seine Lippen waren blau, und es rang nach Luft. Ringsum standen zwölf Gelehrte, die den Vorgang mit grosser Genauigkeit beobachteten.
„Atemzüge?“, fragte der Vorsitzende.
„Achtundvierzig.“
„Farbe?“
„Abweichung in Richtung Violett.“
„Bewegung des Brustkorbs?“
„Zunehmend asymmetrisch.“
Die Mutter des Kindes schrie: „Tut doch etwas!“
Der Vorsitzende hob streng den Finger.
„Das Wort tun ist mehrdeutig.“
„Es erstickt!“
„Auch dies ist bereits eine Deutung.“
„Es stirbt!“
Ein junger Deskriblianer trat zu ihr und sagte freundlich: „Es gibt kein Sterben von Kindern. Es gibt nur Kinder mit kürzerer Lebensdauer.“
Da sprang ich auf, nahm das Kind und schlug ihm mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter. Ein Stück Frucht flog aus seinem Mund. Es hustete, schrie und begann wieder regelmässig zu atmen.
Im Saal entstand grosse Unruhe. Nicht weil ich das Kind gerettet hatte – ein solches Wort gab es nicht –, sondern weil mein Eingriff die fortlaufende Beobachtungsreihe unterbrochen hatte.
Der Vorsitzende beklagte, dass nun niemand mehr wissen werde, wie der Vorgang ohne meine unzulässige Einwirkung verlaufen wäre. Ich entschuldigte mich nicht.
Von den Versicherungen, die nichts versichern, ausser dem Fortbestand der Akten
Kein Volk, dem die Medizin abhandengekommen ist, kann lange ohne eine Einrichtung bleiben, die deren äussere Formen bewahrt. Die Faktoliten hatten deshalb ein ausgezeichnetes Versicherungswesen entwickelt.
Ich ward versichert, dass kein Bürger jenes Landes sich eines Arztes bedienen dürfe. Vielmehr erhalte ein jeder für ein geringes Entgelt die Zusicherung, dass seine Gebrechen in den öffentlichen Büchern unverlöschlich eingetragen und, sooft er es begehre, ihm in beglaubigter Abschrift zugestellt würden.
Es gab drei Klassen von Abonnements.
Das einfache Abonnement gewährte eine Beschreibung in höchstens drei Zeilen. Ein Bürger mit heftigem Kopfdruck erhielt etwa die Bescheinigung:
Schädel vorhanden.
Druck angegeben.
Weitere Entwicklung offen.
Das mittlere Abonnement umfasste bis zu zwölf Zeilen, zwei anatomische Fremdwörter und eine farbige Randmarkierung. Die höchste Klasse, das sogenannte Abonnement perpetuum, garantierte eine ausführliche Beschreibung in lateinischer Sprache, ein Siegel, die Aufbewahrung über sieben Generationen und eine jährliche feierliche Neuverlesung sämtlicher fortbestehender Zustände.
Wer reich war, wurde nicht besser versorgt. Er wurde genauer beschrieben.
Dies verschaffte ihm Ansehen. Bei Gastmählern verglichen die Bürger ihre Urkunden.
„Mein Druck im Schädel“, sagte einer, „beansprucht zwölf Zeilen und wurde als transiente Schwellung des linken Temporallappens verzeichnet.“
„Ich erhielt nur sieben“, sagte ein anderer beschämt.
„Vielleicht war dein Druck geringer.“
„Keineswegs! Mein Abonnement war geringer.“
Manche Faktoliten verschuldeten sich, um ihren Zustand in eine höhere Beschreibungsklasse aufnehmen zu lassen. Andere liessen eine einfache Empfindung so lange nachuntersuchen, bis sie genügend sprachliche Verzweigungen hervorgebracht hatte, um einen eigenen Band zu füllen. Das Leiden – falls ich dieses verbotene Wort gebrauchen darf – wurde nicht gemildert, sondern archiviert. Es durfte nicht vergehen, denn sein Verschwinden hätte den Wert des Zertifikats vermindert.
Eine alte Frau zeigte mir stolz einen Schrank mit achtundvierzig Fächern.
„Das ist mein Leben“, sagte sie.
Ich erwartete Briefe, Bilder ihrer Kinder oder Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann. Doch die Fächer enthielten nur Abschriften ihrer Zustände: dreissig Jahre Gelenksteifigkeit, zwölf Jahre Ohrgeräusch, neun Monate abendliche Traurigkeit, die allerdings als „wiederholte Feuchtigkeit beider Augen bei Sonnenuntergang“ eingetragen war.
„Hat Ihnen niemals jemand geholfen?“, fragte ich.
Sie dachte nach.
„O doch. Ein Schreiber erreichte vor vier Jahren, dass meine Kniebeschwerden von fünf auf elf Zeilen erweitert wurden.“
Dabei lächelte sie mit jener Würde, die Menschen annehmen, wenn sie ihre Verlassenheit für ein Privileg halten.
Von der Klage und ihrem Verbot
In meiner Heimat klagt der Kranke, weil er hofft, gehört zu werden. Bei den Faktoliten durfte niemand klagen. Die Klage galt als sprachliche Gewalttat: Sie behauptete nicht nur, dass etwas sei, sondern dass es anders sein solle. Damit führte sie unbemerkt die Norm, den Wunsch und zuletzt sogar die Verantwortung ein.
Ein Bürger durfte sagen: „Mein Bein trägt mich nicht.“
Er durfte nicht sagen: „Helft mir.“
Denn der erste Satz beschrieb ein Verhältnis. Der zweite verlangte, dass andere Menschen dieses Verhältnis zu ihrer Sache machten.
Eines Morgens sah ich vor dem Grossen Archiv einen Mann liegen. Er hatte die ganze Nacht dort verbracht. Neben ihm stand ein Chronist, der in regelmässigen Abständen die Lage seiner Glieder notierte.
„Warum liegt er hier?“, fragte ich.
„Er hat sein Abonnement nicht verlängert.“
„Und weshalb steht er nicht auf?“
„Seine Beine zeigen seit gestern keine tragende Funktion.“
„Dann bringt ihn doch hinein.“
Der Chronist sah mich streng an. „Er ist nicht versichert.“
„Dann braucht er umso mehr Hilfe.“
„Nein. Ohne Versicherung dürfen seine Zustände nicht amtlich wahrgenommen werden.“
Der Mann öffnete die Augen. „Wasser“, flüsterte er.
Der Chronist schrieb: „Lautäusserung von zwei Silben.“
Ich gab dem Mann zu trinken.
„Du veränderst fortwährend unsere Tatsachen“, sagte der Chronist.
„Das hoffe ich.“
Dieser Satz brachte mich vor den Rat der Nullomorphen.
Vom obersten Rat der Nulomorphen
Die Nullomorphen waren die angesehensten Denker der Faktoliten. Ihr Name bedeutete ungefähr: diejenigen, die dem Nichts eine Form geben. Sie hatten eine Methode entwickelt, jede menschliche Not so lange zu präzisieren, bis von ihr nichts Menschliches mehr übrig blieb.
Der Rat tagte in einem runden Saal. In seiner Mitte stand kein Tisch, weil ein Mittelpunkt nach Ansicht der Mitglieder eine unzulässige Hierarchie erzeugt hätte. Deshalb sassen alle an den Wänden und blickten in verschiedene Richtungen. Der Vorsitzende, ein Mann namens Nullus Primus, fragte mich, warum ich wiederholt in registrierte Zustände eingegriffen habe.
„Weil Menschen litten.“
„Dieses Wort ist verboten.“
„Dann litten sie ohne Wort.“
„Was ohne zulässiges Wort ist, kann nicht Gegenstand öffentlicher Massnahmen sein.“
„Das Kind wäre gestorben.“
„Du meinst: Seine Dauer wäre kürzer gewesen.“
„Nennt es, wie ihr wollt. Es wäre nicht mehr hier.“
Nullus Primus lächelte.
„Auch jetzt ist es nicht hier.“
Die Ratsmitglieder nickten. Der Beweis erschien ihnen vollkommen.
Ich versuchte einen anderen Weg. „Was würdet ihr tun, wenn dieses Gebäude brennte?“
„Wir würden den Temperaturanstieg messen.“
„Und wenn das Dach einstürzte?“
„Wir würden die Veränderung seiner Höhe protokollieren.“
„Und wenn ihr darunter begraben würdet?“
„Dann könnten wir leider nicht weiterbeobachten.“
Für einen Augenblick glaubte ich, einen Einwand gefunden zu haben. Doch Nullus Primus kam mir zuvor.
„Du siehst“, sagte er, „dass Eingriffe die Reinheit der Beobachtung nicht erhöhen.“
Hierauf wurde mir vorgeworfen, ich habe die Ruhe des Landes gestört, indem ich zwischen Tatsachen Unterschiede machte. Ich hätte einem atmenden Kind den Vorzug vor einem nicht atmenden gegeben, einen dürstenden Mann mit Wasser versorgt und sogar behauptet, ein gebrochener Knochen solle zusammengefügt werden. Solche Lehren, erklärte der Rat, führten notwendig zu Mitleid, aus dem Mitleid entstehe Hilfe, aus der Hilfe eine Erwartung und aus der Erwartung zuletzt der gefährliche Gedanke, eine Gesellschaft könne für ihre Mitglieder verantwortlich sein.
„Gerade deshalb“, sagte ich, „sollte man sie lehren.“
Nun erschraken selbst die Nullomorphen.
Ich wurde des normativen Aufruhrs für schuldig befunden und zur unverzüglichen Ausweisung verurteilt. Das Urteil umfasste sechsunddreissig Seiten, darunter fünf Seiten über den Zustand meiner Schuhe. Eine Kopie wurde mir gegen Gebühr angeboten.
Ich lehnte ab. Dies galt als letzter Beweis meiner Unkultur.
Meine Abreise und was danach geschah
Am Hafen wartete ein kleines Schiff. Bevor ich an Bord ging, kam Factualis zu mir. Er blickte sich um und zog ein zusammengefaltetes Blatt aus seinem Gewand.
„Ich habe etwas geschrieben“, sagte er leise.
Es war kein Protokoll. Es war ein Brief. Darin berichtete er von dem alten Mann mit dem Rücken, von der Mutter und ihrem Kind, von der Frau mit den achtundvierzig Fächern. Zum ersten Mal hatte er nicht nur aufgeschrieben, was geschehen war, sondern gefragt, ob es hätte anders geschehen können.
„Was soll ich damit tun?“, fragte ich.
„Nimm es mit. Hier darf es nicht aufbewahrt werden.“
„Warum nicht? Ihr bewahrt doch alles auf.“
„Nur was bleibt, wie es ist.“
Da begriff ich, dass selbst in diesem Lande das Mitleid nicht ganz verschwunden war. Es hatte sich nur versteckt, weil man ihm die Sprache genommen hatte. Vielleicht wartete es, wie ein unter der Asche glimmendes Feuer, auf ein Wort, das nicht beschrieb, sondern rief.
Das Schiff legte ab. Vom Deck sah ich die weissen Archive kleiner werden. Die Dächer glänzten in der Abendsonne; die Strassen lagen still, die Menschen gingen zwischen den Häusern, und über allem ruhte jene vollkommene Ordnung, die entsteht, wenn niemand mehr sagen darf, dass etwas nicht in Ordnung sei.
Später erfuhr ich, Factualis sei aus dem Stand der Chronisten entfernt worden. Man habe bei ihm eine gefährliche Neigung festgestellt, Beobachtungen mit Anteilnahme zu verbinden. In den amtlichen Büchern wurde sein Fall folgendermassen verzeichnet:
Verlust professioneller Neutralität bei fortbestehender Schreibfähigkeit.
Was aus ihm wurde, weiss ich nicht.
Seinen Brief aber brachte ich nach London und gab ihn mit meinem Bericht an Benjamin Motte. Dieser las beides schweigend, legte die Blätter auf seinen Tisch und strich mit dem Finger über den Rand, als prüfe er die Schärfe einer unsichtbaren Klinge.
„Eine sonderbare Geschichte“, sagte er.
„Wird sie gedruckt?“
„Gewiss.“
Er lächelte.
„Sobald ihr Zustand es erlaubt.“
Der Leser weiss nun, was damit gemeint war.