Die neuzeitliche Philosophie lässt sich als eine eigentümliche Wanderung beschreiben. Sie beginnt mit einer scheinbar einfachen Frage: Was kann ich mit Gewissheit wissen? Und sie endet, zumindest vorläufig, mit einer ganz anderen Frage: Was bedeutet es überhaupt, in einer Welt zu sein? Mit dieser Wanderung verändert sich nicht nur das Verständnis des Bewusstseins. Es verändert sich auch die Stellung des Menschen zur Wirklichkeit.
Vor der Neuzeit war die Welt weitgehend selbstverständlich. Der Mensch lebte in einer kosmischen Ordnung, die ihm vorauslag. Die Dinge waren da, Gott war da, die Natur war da. Das Denken hatte die Aufgabe, diese Ordnung zu erkennen, nicht sie zu begründen.
Dann kommt Descartes. Er setzt den Zweifel an die Stelle der Selbstverständlichkeit. Die Sinne können täuschen. Die Welt könnte ein Traum sein. Selbst die Mathematik könnte das Werk eines bösen Dämons sein. Alles wird fraglich. Nur eines bleibt übrig: Während ich zweifle, bin ich. Das denkende Subjekt wird zum ersten sicheren Fundament.
Mit Descartes verschiebt sich der Schwerpunkt der Philosophie von der Welt zum Bewusstsein. Nicht mehr die Wirklichkeit trägt das Denken, sondern das Denken wird zum Ausgangspunkt jeder Wirklichkeitserkenntnis. Die Welt steht nun vor dem Subjekt wie etwas, das erst wieder erreicht werden muss.
Doch gerade diese Rettung des Subjekts erzeugt ein neues Problem. Wenn das Bewusstsein der Ausgangspunkt ist, wie gelangen wir dann überhaupt zur Welt? Kant gibt darauf eine revolutionäre Antwort. Die Welt, wie wir sie erfahren, ist weder bloss subjektive Einbildung noch unmittelbare Wirklichkeit. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Sinnlichkeit und Verstand. Raum, Zeit und Kategorien strukturieren jede mögliche Erfahrung. Das Subjekt erschafft die Welt nicht, aber es bestimmt die Form, in der sie erscheinen kann.
Damit entsteht eine merkwürdige Spaltung. Einerseits gibt es die Erfahrungswelt, die wir erkennen können. Andererseits gibt es das Ding an sich, die Wirklichkeit unabhängig von unserer Erkenntnis. Diese Wirklichkeit muss es geben, denn irgendetwas muss unsere Wahrnehmungen hervorrufen. Doch gerade sie bleibt unerreichbar. Die Wirklichkeit wird gewissermassen hinter einen Schleier verlegt. Wir sehen stets nur ihre Erscheinung.
Husserl radikalisiert diese Situation. Er fragt nicht mehr nach der Wirklichkeit hinter der Erscheinung. Er fragt nach der Erscheinung selbst. Was geschieht eigentlich, wenn uns etwas erscheint? Wie zeigt sich ein Baum, eine Erinnerung, eine Hoffnung, ein Schmerz? Mit der phänomenologischen Reduktion wird die Frage nach der Existenz der Welt vorübergehend ausgeklammert. Nicht weil Husserl ihre Existenz leugnen würde, sondern weil er einen anderen Ausgangspunkt sucht. Statt zu fragen, ob die Welt existiert, untersucht er, wie sie als existierend erscheint.
Die Philosophie wendet sich nun dem Bewusstsein selbst zu. Nicht mehr das Objekt und nicht mehr das Subjekt stehen im Mittelpunkt, sondern ihre Korrelation. Jeder Gegenstand ist Gegenstand für ein Bewusstsein, jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas. Welt und Bewusstsein erscheinen als zwei Seiten eines gemeinsamen Geschehens.
Doch gerade an diesem Punkt tritt Heidegger auf den Plan. Er vermutet, dass die gesamte Diskussion auf einer falschen Voraussetzung beruht. Warum, so fragt er, sprechen wir überhaupt von Subjekt und Objekt? Warum stellen wir uns einen Menschen vor, der zunächst in seinem Bewusstsein eingeschlossen ist und dann irgendwie eine Aussenwelt erreicht?
Im wirklichen Leben geschieht das nicht. Der Handwerker begegnet nicht zuerst einem Objekt namens Hammer, um dann dessen Existenz zu beweisen. Er hämmert. Die Ärztin begegnet nicht zunächst einem Gegenstand namens Patient, sondern behandelt einen Menschen. Das Kind begegnet nicht einer objektiven Welt, sondern spielt. Vor jeder Erkenntnis gibt es bereits Weltbezug. Vor jeder Theorie gibt es bereits Teilnahme. Vor jedem Bewusstsein von etwas gibt es ein In-der-Welt-Sein.
Damit verschiebt sich die Philosophie erneut. Das Bewusstsein verliert seine Stellung als letztes Fundament. An seine Stelle tritt die Existenz. Der Mensch ist nicht zuerst ein denkendes Subjekt, sondern ein Wesen, das sich immer schon in einer bedeutungsvollen Welt vorfindet.
Sartre wird diesen Gedanken noch weiter zuspitzen. Wenn es kein vorgegebenes Wesen gibt, das dem Menschen vorausliegt, dann bleibt nur die Existenz selbst. Der Mensch ist nicht, was er ist. Er ist, was er aus sich macht. Die Existenz geht der Essenz voraus.
So beschreibt die neuzeitliche Philosophie eine bemerkenswerte Bewegung. Zunächst wird die Wirklichkeit auf das Subjekt zurückgeführt. Dann wird das Subjekt zur Bedingung jeder Erfahrung. Anschliessend wird das Bewusstsein selbst zum Gegenstand der Untersuchung. Schliesslich lösen sich Subjekt und Objekt in einem ursprünglicheren Weltbezug auf.
Die Geschichte der Philosophie erscheint damit nicht als Triumph des Bewusstseins, sondern als allmähliche Entdeckung eines Dazwischen. Die Wirklichkeit ist weder bloss Objekt noch bloss subjektive Konstruktion. Sie entsteht dort, wo Welt und Mensch einander begegnen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Lehre dieser Entwicklung: Nicht das isolierte Subjekt und nicht die objektive Welt bilden den Ursprung der Erfahrung, sondern die Beziehung selbst. Das Bewusstsein ist nicht ein Behälter, in dem die Welt erscheint. Es ist der Ort des Übergangs. Hier wird Welt überhaupt erst zur Welt für jemanden.
Die Philosophie beginnt mit dem Zweifel an der Welt. Sie endet mit der Einsicht, dass weder Welt noch Subjekt ohne dieses Dazwischen verstanden werden können.