Es gibt Häuser, die man errichtet, und Häuser, die erst durch das entstehen, was Menschen in ihnen tun. Ein Krankenhaus gehört zu beiden Arten. Seine Mauern lassen sich vermessen, seine Betten zählen, seine Ausgaben berechnen. Und doch entscheidet sich sein Wesen an etwas, das in keiner Spalte Platz findet: ob der Kranke darin behandelt wird – oder ob er, während alle ihn behandeln, als Mensch verschwindet. Davon erzählt die Geschichte der vier Paläste des Kalifen.
Scheherazade hatte diese Worte gesprochen, als sie bemerkte, dass der Morgen nahte. Da verstummte sie.
Ihre Schwester Dunyazade aber sagte: „Wie wunderbar ist deine Geschichte und wie anmutig ihr Sinn!“
Scheherazade antwortete: „Dies ist nichts gegen das, was ich in der kommenden Nacht erzählen werde, sofern der König mich leben lässt.“
Und der König dachte: Bei Allah, ich werde sie nicht töten lassen, ehe ich die Geschichte von den vier Palästen gehört habe.
Als nun die nächste Nacht angebrochen war, sagte Dunyazade: „Schwester, vollende uns, wenn du nicht schläfst, die versprochene Geschichte.“
Scheherazade sprach:
Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, dass in alten Zeiten ein Kalif lebte, dessen Name in den Ländern des Ostens mit Ehrfurcht genannt wurde. Sein Reich erstreckte sich vom grünen Meer bis zu den roten Bergen, und seine Hauptstadt war so gross, dass ein Wanderer drei Tage brauchte, um von ihrem westlichen bis zu ihrem östlichen Tor zu gelangen.
In dieser Stadt stand ein Haus der Heilung, dessen Kuppeln mit blauen Ziegeln bedeckt waren. Wenn die Sonne aufging, glänzten sie wie Monde am Himmel, und wenn die Sonne unterging, schienen sie auf einem Meer aus Purpur zu schwimmen.
Der Kalif hatte Ärzte aus Persien, Augenheiler aus Ägypten, Kräuterkundige aus Indien und Wundärzte aus dem Land der Griechen berufen. In den Sälen standen Betten aus Zedernholz, in den Höfen sprudelten Brunnen, und aus den Arzneikammern drang der Geruch von Kampfer, Rosenöl und bitteren Kräutern.
Die Dichter priesen das Haus in ihren Versen. Die Schreiber beschrieben seine Ordnung in Büchern. Die Verwalter versicherten, kein Haus der Heilung zwischen dem Maghreb und den Grenzen Chinas werde sparsamer geführt.
Der Kalif hörte dies gern.
Eines Tages aber brachte ihm der oberste Verwalter eine Rolle, die so lang war, dass zwei Diener sie tragen mussten. Auf ihr standen die Zahl der Kranken, die Menge des verbrauchten Öls, der Preis der Arzneien, die Dauer jedes Aufenthalts und hundert weitere Dinge.
Der Verwalter warf sich nieder und sprach: „O Beherrscher der Gläubigen, freue dich! Dein Haus der Heilung ist vollkommener geworden. Die Kranken bleiben kürzer, die Schreiber schreiben mehr, und für hundert Dinar behandeln wir heute so viele Menschen, wie wir früher für hundertundzwanzig behandelten.“
Der Kalif freute sich über diese Nachricht und schenkte ihm ein Ehrengewand.
Noch am selben Abend aber trat sein alter Wesir Malik ibn Hakim bei ihm ein. Der Kalif zeigte ihm die Rolle und sprach: „Sieh, wie gut mein Haus der Heilung geworden ist.“
Der Wesir betrachtete die Zahlen und sagte: „Die Rechnung ist ohne Zweifel richtig.“
„Warum klingt dein Lob wie ein Tadel?“, fragte der Kalif.
„Weil eine richtige Rechnung nicht immer von der richtigen Sache handelt.“
Da verfinsterte sich das Gesicht des Kalifen.
„Willst du behaupten, mein Haus der Heilung sei schlecht?“
Der Wesir küsste den Boden zwischen seinen Händen und antwortete: „Ich behaupte nur, dass Ihr einen Palast betrachtet, wo in Wahrheit vier stehen.“
„Vier Paläste?“, rief der Kalif. „Ich habe nur einen erbauen lassen.“
„Was ein Herr erbauen lässt“, sagte der Wesir, „und was daraus entsteht, sind nicht immer dasselbe.“
Der Kalif wollte mehr erfahren. Doch der Wesir sprach: „Was das Auge selbst gesehen hat, muss die Zunge nicht beweisen. Legt ein schlichtes Gewand an und folgt mir.“
Der Kalif verkleidete sich als Kaufmann. Der Wesir zog den Mantel eines Schreibers an. Als die Nacht über die Stadt gefallen war, verliessen sie den Palast durch ein verborgenes Tor.
Sie gelangten zum Haus der Heilung und betraten es durch den Eingang der Dienerschaft. Im ersten Hof begegneten sie einem jungen Arzt, dessen Gewand mit Blut befleckt war. Neben ihm kniete eine Pflegerin bei einem alten Lastträger, dem ein Wagen das Bein zerbrochen hatte. Der Mann schrie, und der Arzt hielt seine Hand, während die Pflegerin den Verband anlegte.
Ein Diener kam gelaufen und rief: „Herr, im Frauensaal liegt eine Kranke im Fieber!“
Ein zweiter rief: „Herr, ein Kind ringt nach Luft!“
Der Arzt erhob sich, obwohl er vor Müdigkeit schwankte, und eilte davon.
Der Wesir flüsterte: „Dies ist der erste Palast. Er wird jede Nacht neu errichtet aus Wissen, Wachsamkeit und den Händen derer, die dem Leiden nicht ausweichen.“
Sie gingen weiter und kamen in einen Saal, in dem fünfzig Schreiber sassen. Ihre Federn kratzten über das Papier wie Mäuse hinter einer Wand. Vor ihnen lagen Tafeln, Rollen und versiegelte Bücher.
Einer schrieb, der alte Lastträger habe bei seinem Eintritt kein Fieber gehabt. Ein anderer verzeichnete die Menge des verabreichten Schlaftranks. Ein dritter stritt mit einem Arzt, weil auf einer Rolle die Stunde einer Behandlung fehlte.
„Wenn es nicht geschrieben steht“, sagte der Schreiber, „ist es nicht geschehen.“
„Aber du hast doch gesehen, dass ich ihn behandelt habe!“, erwiderte der Arzt.
„Meine Augen sind keine Urkunde.“
Der Kalif musste lächeln. Der Wesir aber sprach: „Lacht nicht, Herr. Die Erinnerung des Menschen ist ein Sieb, und durch seine Löcher fällt selbst das Wichtige. Dies ist der zweite Palast. Er ist aus Zeichen gebaut. Ohne ihn müsste jede Generation wieder am Anfang beginnen. Doch seine Bewohner geraten bisweilen in Versuchung zu glauben, nur das Geschriebene sei wirklich.“
Darauf gelangten sie in einen prächtigen Raum. Dort sassen die Verwalter auf weichen Kissen und beugten sich über Rechenbretter. Auf den Tischen lagen Listen über Brot, Öl, Leinwand, Arzneien und Löhne.
Der oberste Verwalter, der den verkleideten Kalifen nicht erkannte, sprach gerade zu seinen Gehilfen:
„Im Frauensaal liegt seit zwölf Tagen eine Teppichweberin. Nach unserer Ordnung darf eine Kranke ihrer Art nur zehn Tage bleiben. Zwei Tage sind zwei Tage zu viel. Schickt sie noch morgen fort.“
Ein junger Gehilfe fragte: „Ist sie denn gesund?“
„Das steht nicht in meiner Spalte.“
„Der Arzt sagt, ihr Fieber sei gesunken, aber sie könne noch nicht gehen.“
„Dann soll sie liegend fortgehen.“
Einige lachten. Der Kalif aber legte die Hand an den Griff seines Dolches.
Der Wesir hielt seinen Arm fest und flüsterte: „Geduld, Herr. Ein Urteil, das vor dem Ende der Geschichte fällt, gleicht einem Arzt, der ein Heilmittel verschreibt, ehe er weiss, was das Leiden wirklich ist.“
Dann wandte er sich zu den Verwaltern und fragte: „Warum wollt ihr die Frau fortschicken?“
Der oberste Verwalter antwortete: „Weil das Haus nicht von Rosenwasser und guten Wünschen lebt. Brot kostet Geld, Arzneien kosten Geld, und selbst das Licht, bei dem die Ärzte über ihre Menschlichkeit reden, wird mit Öl bezahlt.“
Der Wesir verneigte sich und sprach: „Ihr habt recht.“
Der Kalif fuhr erschrocken herum.
Doch der Wesir fügte hinzu: „Ihr habt so weit recht, wie eure Rechnung reicht.“
Als sie den Saal verlassen hatten, sagte er: „Dies ist der dritte Palast. Er wird aus Vorräten, Löhnen und Zahlen gebaut. Ohne ihn erlöschen die Lampen der beiden ersten. Aber wer lange darin wohnt, hält leicht das Berechenbare für das Wirkliche und den Preis einer Sache für ihren Wert.“
Nun glaubte der Kalif, alles gesehen zu haben.
„Drei Paläste“, sagte er. „Wo ist der vierte?“
Der Wesir führte ihn vor das Tor des Hauses. Auf einer Steinbank sass ein Knabe mit einem hölzernen Pferd. Es fehlte ihm ein Rad. Neben ihm lag ein Bündel mit Kleidern.
„Auf wen wartest du?“, fragte der Kalif.
„Auf meine Mutter“, antwortete der Knabe. „Sie webt Teppiche. Morgen schicken sie sie fort.“
„Dann solltest du dich freuen.“
„Ich freue mich auch“, sagte der Knabe. „Nur kann sie noch nicht stehen.“
Der Kalif schwieg.
In diesem Augenblick trat ein Schreiber aus dem Tor und setzte sich neben den Jungen. Es war derselbe Mann, der zuvor behauptet hatte, seine Augen seien keine Urkunde. Er holte Brot aus seinem Ärmel, brach es entzwei und gab dem Kind die Hälfte.
Kurz darauf kam die Pflegerin. Sie brachte ein kleines Fläschchen mit Arznei und erklärte dem Knaben, wie er es seiner Mutter geben müsse. Zuletzt erschien der junge Arzt. Er hatte den obersten Verwalter gebeten, die Frau noch eine Nacht zu behalten, doch dieser hatte es abgelehnt.
Der Arzt kniete vor dem Jungen nieder und reparierte mit einem Stück Verbandstoff das Rad des hölzernen Pferdes.
Da trat aus dem Dunkel eine alte Frau. Als sie den Knaben erblickte, nahm sie zwei Silberstücke aus ihrem Beutel und drückte sie ihm in die Hand.
„Warum tut Ihr das?“, fragte der Kalif.
Die Alte antwortete: „Vor drei Jahren starb mein Mann in diesem Haus. Sie konnten ihn nicht retten. Aber ein Pfleger blieb bei ihm, als ich noch unterwegs war, und hielt seine Hand. Seitdem komme ich in jeder Neumondnacht hierher. Vielleicht wartet jemand, bei dem niemand warten kann.“
Der Kalif sah das Tor, die erleuchteten Fenster und die Menschen davor.
„Ist dies der vierte Palast?“, fragte er.
Der Wesir antwortete: „Ja, Herr.“
„Aber ich sehe weder Mauern noch Kuppeln.“
„Seine Mauern sind Vertrauen und seine Tore sind die Hoffnung. Er wird aus Blicken, Worten und Erinnerungen gebaut. Manchmal entsteht er sogar dann, wenn die Heilkunst nichts mehr vermag. Und manchmal stürzt er ein, obwohl alle Behandlungen richtig, alle Schriften vollständig und alle Rechnungen ausgeglichen sind.“
Der Kalif blickte auf den Jungen.
„Wer herrscht über diesen Palast?“
„Niemand allein“, sagte der Wesir. „Der Arzt kann ihn nicht befehlen, der Schreiber nicht festhalten und der Verwalter nicht kaufen. Selbst Ihr könnt ihn nicht durch einen Erlass errichten.“
„Was kann ich dann tun?“
„Dafür sorgen, dass die ersten drei Paläste niemals vergessen, wem sie dienen.“
Da gab sich der Kalif zu erkennen. Der Arzt, die Pflegerin und der Schreiber warfen sich erschrocken nieder. Auch der oberste Verwalter, der inzwischen herbeigeeilt war, sank zitternd zu Boden.
Der Kalif befahl, die Teppichweberin so lange zu behalten, bis sie ohne Gefahr heimkehren könne. Dann wandte er sich an den Verwalter.
„Deine Rechnung war richtig“, sagte er. „Darum werde ich dich nicht bestrafen.“
Der Mann atmete auf.
„Aber sie war unvollständig. Darum wirst du von morgen an jeden siebten Tag deine Tafeln verlassen und eine Stunde am Tor sitzen. Dort sollst du zählen, was sich nicht zählen lässt.“
„Wie soll ich darüber Bericht erstatten?“, fragte der Verwalter verzweifelt.
Der Kalif lächelte.
„Wenn du es verstanden hast, wirst du wissen, warum du darüber keinen Bericht erstatten kannst.“
Von jenem Tage an fragte der Kalif bei jedem Vorschlag, der das Haus der Heilung betraf: „Welcher Palast wird dadurch grösser, und welcher wird kleiner?“
Und wenn ihm die Verwalter Rollen brachten, auf denen alle Zahlen stimmten, fragte er zuletzt:
„Und was geschah vor dem Tor?“
So wurde sein Haus der Heilung nicht deshalb berühmt, weil seine Kuppeln am höchsten, seine Ärzte am gelehrtesten oder seine Rechnungen am genauesten waren. Es wurde berühmt, weil die Menschen von ihm sagten:
„Wer dort eintritt, wird vielleicht nicht geheilt. Aber er läuft nicht Gefahr, hinter seiner Krankheit zu verschwinden.“
Und Scheherazade sprach: „Hier endet die Geschichte von den vier Palästen. Doch es ist mir auch die Geschichte von einem fünften Palast berichtet worden, den der Kalif errichten wollte, obwohl niemand ihn brauchte.“
Da brach der Morgen an, und Scheherazade verstummte.