Essay

Ökonoexistenzialismus

Vom Abzinsparadox des Lebens und den Zinsen der Natur

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Zuerst rechnet der Mensch mit dem Geld. Dann rechnet das Geld in ihm. Begriffe wie Kapital, Investition, Rendite, Laufzeit und Fälligkeit bezeichnen längst nicht mehr nur wirtschaftliche Vorgänge. Sie prägen auch, wie wir unsere Fähigkeiten entwickeln, unsere Beziehungen beurteilen und über die Zukunft verfügen. Wir investieren in Bildung, verwalten unsere Kräfte, erwarten einen Ertrag von Erfahrungen und sprechen sogar vom „Zeitbudget“. Diese Rückwirkung ökonomischer Kategorien auf das menschliche Selbstverhältnis soll hier Ökonoexistenzialismus heissen. Er beginnt dort, wo der Mensch nicht mehr nur wirtschaftlich handelt, sondern seine Existenz nach den Denkformen des Geldes auslegt. Im Folgenden geht es um eine besonders folgenreiche dieser Denkformen: den Zins. Er verbindet Geld und Zeit, Gegenwart und Zukunft, Verzicht und Erwartung. Wer Zinsen verlangt, bewertet die Dauer. Wer einen zukünftigen Betrag abzinst, übersetzt Zukunft in Gegenwartswert. Überträgt man diese Logik auf das menschliche Leben, entstehen zwei finanzexistenzielle Kuriositäten. Die erste ist ein Irrtum: Wir zinsen unsere Möglichkeiten ab, als würden sie später sicher ausgezahlt. Die zweite bezeichnet eine tiefere Wahrheit: Während wir warten, verzinst die Natur unser Leben. Wir zahlen mit Zeit, Kraft und Erinnerung.

Eine kurze Geschichte des Zinses

Der Zins war nie bloss eine Rechentechnik. Seit der Antike steht er unter moralischem und philosophischem Verdacht, weil er den Eindruck erweckt, Geld könne aus sich selbst neues Geld hervorbringen.

Aristoteles unterschied zwischen der vernünftigen Haushaltsführung und einer Erwerbskunst, die nur noch auf die Vermehrung des Geldes zielt. Besonders unnatürlich erschien ihm das Zinsgeschäft. Geld war geschaffen worden, um den Austausch zu erleichtern. Im Zins aber scheint es sich selbst fortzupflanzen. Das griechische Wort für Zins, tokos, bedeutet zugleich „Geburt“ oder „Nachkomme“. Das Geld gebiert Geld, obwohl es selbst unfruchtbar ist.

Das Mittelalter übernahm diesen Verdacht und verschärfte ihn theologisch. Wer Zinsen nahm, verlangte nicht nur Geld für verliehenes Geld. Er liess sich auch für die verstrichene Zeit bezahlen. Doch die Zeit galt als eine Gabe Gottes und nicht als Eigentum des Menschen. Der Wucherer verkaufte demnach etwas, das ihm gar nicht gehörte.

Diese Ablehnung konnte den Zins nicht dauerhaft verhindern. Handel, Fernverkehr und grössere Unternehmungen verlangten Kredit. Wer sein Geld verlieh, verzichtete auf andere Verwendungsmöglichkeiten und trug das Risiko, es nicht zurückzuerhalten. Zunehmend unterschied man deshalb zwischen massvollem Zins und Wucher. Der Zins liess sich als Entschädigung für Risiko, Verzicht und entgangenen Gewinn rechtfertigen.

Mit der neuzeitlichen Wirtschaft verlor er seinen grundsätzlichen Makel. Er wurde zu einem alltäglichen Instrument, das Gegenwart und Zukunft vergleichbar macht. Geld besitzt nun einen Zeitwert. Ein gegenwärtiger Betrag kann angelegt werden und wachsen; ein zukünftiger Betrag muss deshalb auf seinen heutigen Wert zurückgerechnet werden.

Damit vollzieht sich eine folgenreiche Umkehr. In der Antike galt der Zins als verdächtige Fruchtbarkeit des Geldes. In der Moderne gilt er als vernünftiger Preis der Zeit. Die Zeit ist nicht mehr nur eine göttliche oder natürliche Ordnung, in der das Leben vergeht. Sie wird berechnet, bewertet und gehandelt.

Genau hier beginnt der Ökonoexistenzialismus. Denn sobald Zeit einen Preis erhält, liegt es nahe, auch das eigene Leben wie ein zeitgebundenes Vermögen zu behandeln.

Erste Kuriosität: Das Abzinsparadox des Lebens

Hundert Franken, die man heute erhält, sind mehr wert als hundert Franken, die erst in zwanzig Jahren ausgezahlt werden. Das gegenwärtige Geld steht sofort zur Verfügung. Man kann es ausgeben, verschenken oder anlegen. Auf den zukünftigen Betrag muss man dagegen warten. Zudem können Inflation und Unsicherheit seinen Wert vermindern.

Sein Nennwert bleibt hundert Franken. Sein heutiger Wert ist geringer.

Ähnlich verfahren wir mit unseren Lebensmöglichkeiten. Ein Vorhaben, für das wir noch zwanzig Jahre zu haben glauben, besitzt heute einen geringen Ausführungswert. Es erscheint wichtig, aber nicht dringlich. Irgendwann lerne ich Italienisch. Wenn ich pensioniert bin, spiele ich wieder Klavier. Nächstes Jahr besuche ich meinen alten Freund.

Das „Irgendwann“ ist die Diskontierungsformel des Alltags. Es setzt den Gegenwartswert einer Möglichkeit herab. Was auch später noch getan werden kann, muss nicht heute geschehen.

Diese Haltung ist zunächst vernünftig. Niemand kann alle seine Möglichkeiten gleichzeitig verwirklichen. Wir müssen auswählen, planen und auf unmittelbare Wünsche verzichten. Ohne Aufschub gäbe es weder Ausbildung noch Vorsorge noch langfristige Projekte.

Problematisch wird es, wenn wir eine Lebensmöglichkeit wie eine Geldforderung behandeln. Denn die beiden verhalten sich am Ende ihrer Laufzeit entgegengesetzt.

Das abgezinste Geld wird bei Fälligkeit ausgezahlt. Die aufgeschobene Möglichkeit kann bei Fälligkeit verfallen. Wer Geld zwanzig Jahre lang anlegt, besitzt danach vielleicht mehr davon. Wer das Klavierspiel zwanzig Jahre lang aufschiebt, verfügt anschliessend über weniger Zeit und möglicherweise über weniger bewegliche Hände. Das Klavier steht noch da. Doch der Spieler ist nicht mehr derselbe. Auch eine Reise lässt sich später unternehmen. Ist der Freund, mit dem man reisen wollte, inzwischen gestorben, kann man zwar dieselben Orte besuchen, aber nicht mehr dieselbe Reise machen. Die Strecke bleibt; die Möglichkeit ist verschwunden. Ähnlich verhält es sich mit dem Gespräch zwischen Vater und Sohn. Der Vater kann später mit dem erwachsenen Sohn sprechen. Er kann aber nicht mehr auf jene Frage antworten, die der Zehnjährige damals gestellt hat. Das Gespräch lässt sich nachholen, seine geschichtliche Stunde nicht.

Daraus ergibt sich der erste Lehrsatz:

  1. Das Abzinsparadox des Lebens: Je weiter eine Lebensmöglichkeit entfernt scheint, desto geringer setzen wir ihren heutigen Ausführungswert an. Doch anders als eine Geldforderung wird sie am Ende ihrer Laufzeit nicht notwendig ausgezahlt; sie kann verfallen.

Der Fehler liegt in der Verwechslung von Sicherung und Verwirklichung. Geld besitzt man, indem man es behält. Eine Möglichkeit besitzt man nur, indem man sie verwirklicht. Wer hundert Franken nicht ausgibt, verfügt weiterhin über sie und hat eine Sicherheit für spätere Gelegenheiten. Wer einen freien Nachmittag nicht mit seiner Frau verbringt, kann ihn dagegen nicht aufbewahren. Die Bilanz verzeichnet einen Ertrag. Das Leben möglicherweise einen Ausfall.

Die Herrschaft der gesetzten Frist

Der ökonomisierte Alltag bevorzugt, was sich terminieren und messen lässt. Die Steuererklärung hat eine Abgabefrist. Der Brief an einen Freund hat keine. Deshalb wird die Steuererklärung erledigt, während der Brief liegen bleibt.

Die Frist verleiht einer Aufgabe künstlich jenen Ausführungswert, der den persönlichen Möglichkeiten häufig fehlt. Der Arbeitgeber erwartet den Bericht am Montag. Die Mutter nennt keinen letzten Termin für einen Besuch. Das Projekt besitzt einen Meilenstein; die Freundschaft nicht. So drängt das Institutionelle das Persönliche aus der Gegenwart, obwohl es in der Erinnerung häufig weniger bedeutsam sein wird.

Der ökonomische Mensch sichert bevorzugt das Messbare. Geld, Produktivität, Rang und Besitz lassen sich zählen. Ein Gespräch, ein Musikstück oder ein gemeinsamer Nachmittag werfen keinen sichtbaren Ertrag ab. Sie erscheinen unproduktiv, obwohl sie vielleicht gerade das hervorbringen, wovon ein Leben später zehrt. Erst die Erinnerung kehrt die Rangordnung um. Die erledigten Aufgaben wirken nun austauschbar, die versäumten Stunden einmalig. Das Messbare lässt sich bilanzieren, das Bedeutsame meist nur erinnern. Wer allein nach der Bilanz lebt, erkennt seinen Verlust erst in der Erinnerung.

Wenn Sein Zeit ist

Bei Heidegger ist Zeit kein äusserer Behälter, in dem das menschliche Leben abläuft. Der Mensch befindet sich nicht einfach in der Zeit wie ein Gegenstand in einem Raum. Sein Dasein ist zeitlich verfasst. Es kommt aus dem Gewesenen, vollzieht sich in der Gegenwart und entwirft sich auf Möglichkeiten.

Der Mensch ist deshalb nie nur das, was er bereits ist. Er ist zugleich das, was er noch werden könnte. Er kann beginnen, wählen, versprechen, verwerfen und sein Leben verändern.

Doch er kann es nicht unbegrenzt. Der Tod beendet nicht nur das Leben. Er begrenzt schon jetzt die Laufzeit sämtlicher Möglichkeiten. Heidegger versteht ihn als jene äusserste Möglichkeit, durch die alle anderen Möglichkeiten unmöglich werden.

Dabei unterscheidet sich das Leben von einem Finanzgeschäft durch eine zusätzliche Unsicherheit. Bei einer Anleihe steht der Rückzahlungstermin fest. Im Leben kennt ihn niemand. Wir wissen nicht, wann wir einen Menschen zum letzten Mal sehen, wie lange unsere Hände noch spielen können oder wann aus einem aufgeschobenen Gespräch ein unmögliches geworden sein wird.

Wir zinsen unsere Möglichkeiten also ab, ohne ihre Laufzeit zu kennen. Das „später“ erscheint uns als sicherer Besitz, obwohl es nur eine Vermutung ist.

Der uneigentliche Mensch sagt: Dafür habe ich noch Zeit. Der eigentliche Mensch weiss: Vielleicht. Aber sie gehört mir nicht.

Zweite Kuriosität: Das Naturzinsgesetz

Wenn Sein Zeit ist, stellt sich die Frage, woher diese Zeit stammt. Heidegger selbst beschreibt sie nicht als Darlehen der Natur. Die ökonomische Metapher führt seinen Gedanken jedoch weiter. Der Mensch hat seine Lebenszeit nicht hergestellt. Er findet sich lebend vor und entdeckt, dass ihm Zeit gegeben ist – ohne Vertrag, ohne angegebene Laufzeit und ohne Auskunft über das Restguthaben. Die Natur gewährt ihm gleichsam einen Kredit. Sie zahlt ihn allerdings nicht als verfügbaren Vorrat aus. Sie gibt ihn Stunde für Stunde frei und zieht ihn im selben Augenblick wieder ein. Die Gegenwart ist der kurze Zeitraum, in dem das Geliehene gebraucht werden kann. Die lateinische Wendung debitum naturae reddere bedeutet, der Natur ihre Schuld zurückzugeben, also zu sterben. Das Leben erscheint darin als empfangene Gabe, die eines Tages zurückerstattet werden muss.

Doch die Natur wartet mit ihrer Forderung nicht bis zum Tod. Sie zieht schon während der Laufzeit Zinsen ein. Wir zahlen mit Müdigkeit. Nach einem langen Tag lässt die Kraft nach, obwohl noch vieles unerledigt ist. Wir zahlen mit dem Altern. Der Körper erholt sich langsamer und verzeiht weniger. Wir zahlen mit dem Vergessen. Namen verschwinden, Erinnerungen verlieren ihre Konturen, früher selbstverständliche Melodien müssen gesucht werden. Krankheit, Verletzlichkeit und Abschied erhöhen die Belastung.

Diese Zinsen sind keine Strafe. Der Verbrauch gehört zum Vollzug des Lebens. Ein Körper kann seine Kraft nur einsetzen, indem er sie erschöpft. Wer nie geht, um seine Beine zu schonen, verliert gerade dadurch die Fähigkeit zu gehen. Wer Beziehungen nicht beansprucht, um Konflikte zu vermeiden, bewahrt sie nicht unverändert; er lässt sie erkalten.

Daraus folgt der zweite Lehrsatz:

  1. Das Naturzinsgesetz: Lebenszeit ist ein Darlehen, dessen Zinsen aus dem geliehenen Kapital selbst beglichen werden. Während wir unsere Möglichkeiten aufschieben, zahlen wir mit Zeit, Kraft und Erinnerung.

Die Natur verlangt keine äussere Währung. Kredit und Zins bestehen aus demselben Stoff. Wir bezahlen die erhaltene Zeit mit ihrem Vergehen.

Der Tod ist daher nicht bloss eine Rechnung, die am letzten Tag überraschend zugestellt wird. Die Tilgung läuft längst. Jede vergangene Stunde ist eine entrichtete Rate. Am Ende wird kein angesammelter Betrag zurückgegeben. Es endet die Möglichkeit, weiterhin über Zeit zu verfügen.

Die doppelte Verzinsung

Nun greifen die beiden Kuriositäten ineinander. Der Mensch zinst seine Möglichkeiten ab. Weil ihre Verwirklichung noch fern scheint, bewertet er ihre heutige Ausführung gering. Er wartet, spart und plant. Währenddessen verzinst die Natur sein Leben. Er glaubt, die Möglichkeit für später aufzubewahren. Doch während er wartet, schwinden die verfügbare Zeit, die eigene Kraft und vielleicht auch die Welt, in der diese Möglichkeit noch sinnvoll wäre. Sein imaginäres Lebenskonto schreibt keine Erträge gut. Es bucht fortwährend Substanz ab. Wir zinsen unsere Möglichkeiten ab, während die Natur unser Leben verzinst.

Das ist die zentrale Verkehrung des Ökonoexistenzialismus. Was beim Geld vernünftig sein kann – den Konsum aufzuschieben und das Vermögen wachsen zu lassen –, kann im Leben einen Wert vernichten. Denn Lebensmöglichkeiten sind kein Kapital, das von selbst für uns arbeitet. Sie sind zeitgebundene Gelegenheiten.

Daraus folgt kein Kult des Augenblicks. Nicht jeder Wunsch muss sofort erfüllt werden. Wer aus Angst vor dem Verpassen jede Möglichkeit ergreifen will, zerstreut sich nur in ihnen. Auch Auswahl, Treue und langfristige Arbeit gehören zu einem gelungenen Leben.

Nötig wäre vielmehr eine existenzielle Buchführung. Sie fragt nicht nur: Was gewinne ich, wenn ich heute verzichte? Sie fragt auch: Welche Möglichkeit verliere ich, wenn ich sie wieder verschiebe?

Ökonomische Vernunft schützt die Mittel des Lebens. Existenzielle Vernunft schützt seine Möglichkeiten. Die Mittel dürfen jedoch nicht so vollständig gesichert werden, dass für ihre Verwendung keine Zeit mehr bleibt.

Aus beiden Lehrsätzen folgt deshalb ein dritter:

  1. Wer sein Leben behandelt, als könne er es ansparen, spart nicht Zeit, sondern sich selbst aus.

Wenn Sein Zeit ist, kann der Mensch sein Sein nicht bewahren, indem er seine Zeit möglichst wenig gebraucht. Ungenutzte Zeit bleibt nicht als Guthaben bestehen. Sie wird zu ungelebtem Leben. Die Natur gewährt uns einen Kredit, nennt aber weder Laufzeit noch Restschuld. Wir diskontieren derweil unsere Wünsche und rechnen mit einer späteren Auszahlung. Am Ende kann die Bilanz durchaus stimmen: Das Geld ist vorhanden, die Pflichten sind erfüllt, die Vorsorge ist gesichert. Nur die Möglichkeit ist fort.

Das Geld hat gewartet. Das Leben nicht.