Erzählung

Derselbe, aber nicht der Gleiche

Wie Hegel uns hilft, den Menschen in der Rehabilitation wiederzuerkennen

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Ein Mensch erleidet einen Schlaganfall. Er kann nicht mehr gehen wie zuvor, nicht mehr sprechen, wie er gesprochen hat, vielleicht nicht einmal mehr auf dieselbe Weise fühlen, planen oder sich erinnern. Seine Bewegungen sind andere geworden, seine Stimme klingt fremd, und in seinem eigenen Körper findet er sich nicht mehr selbstverständlich zurecht. Seine Angehörigen stehen am Bett und sagen einen Satz, der ebenso verständlich wie erschreckend ist: „Er ist nicht mehr der Gleiche.“ Sie haben recht. Und sie haben unrecht. Er ist tatsächlich nicht mehr der Gleiche. Aber er ist noch immer derselbe. In dieser kleinen grammatischen Unterscheidung liegt beinahe die ganze Philosophie der Rehabilitation.

Das Schiff und seine Planken

Das berühmte Schiff des Theseus wird über viele Jahre instand gehalten. Eine morsche Planke wird ersetzt, dann eine zweite, schliesslich eine dritte. Nach und nach verschwinden alle ursprünglichen Bestandteile. Am Ende besteht das Schiff aus keinem einzigen Brett mehr, das Theseus einst betreten hatte.

Ist es noch dasselbe Schiff?

Die klassische Logik gerät in Schwierigkeiten. Wenn die Identität eines Gegenstandes in seiner Materie liegt, kann das erneuerte Schiff nicht mehr dasselbe sein. Wenn sie dagegen in seiner Form, seinem Namen oder seiner Funktion liegt, scheint der Austausch der Planken nichts zu verändern. Vollends verwirrend wird es, wenn jemand die alten Bretter sammelt und daraus ein zweites Schiff zusammensetzt. Welches von beiden ist nun das echte Schiff des Theseus?

Hegel hat dieses Gedankenexperiment nicht systematisch behandelt. Doch seine Philosophie bietet eine überraschend klare Antwort. Für ihn ist wirkliche Identität keine starre Übereinstimmung mit sich selbst. Sie bedeutet nicht, dass etwas unverändert bleibt. Eine solche Identität wäre leer: A ist A, ein Schiff ist ein Schiff, ein Mensch ist ein Mensch. Damit ist noch nichts begriffen.

Konkrete Identität zeigt sich vielmehr darin, dass etwas sich verändert und in dieser Veränderung dennoch bei sich bleibt. Das Schiff bleibt nicht einfach trotz des Austauschs seiner Planken dasselbe. Es erhält sich durch diesen Austausch. Die Negation der alten Planke, ihre Aufhebung, zerstört das Schiff nicht; sie ermöglicht seine Fortdauer. Würde man aus Ehrfurcht vor der ursprünglichen Substanz jedes Brett bewahren, würde das Schiff gerade daran zugrunde gehen.

Seine Identität liegt daher weder nur im Material noch nur in einer abstrakten Form. Sie liegt in einem geschichtlichen Zusammenhang: in seiner kontinuierlichen Erhaltung, seiner Verwendung, seinen Fahrten, seinen Reparaturen und seiner Anerkennung als dieses bestimmte Schiff. Das Schiff besitzt seine Geschichte nicht wie eine zusätzliche Eigenschaft. Es ist diese Geschichte.

Der Mensch als lebendige Identität

Beim Menschen wird diese Frage existenziell. Auch sein Körper bleibt materiell nicht gleich. Zellen sterben, Gewebe verändern sich, Erfahrungen schreiben sich in Haltung, Sprache und Gedächtnis ein. Der Mensch altert, lernt, vergisst, erkrankt und erholt sich. Wäre Identität an die Gleichheit aller Eigenschaften gebunden, wäre niemand am Abend noch derselbe Mensch wie am Morgen.

Hegel hilft uns, diese scheinbare Unmöglichkeit zu verstehen. Der Mensch ist kein Behälter mit festen Merkmalen. Er ist ein lebendiger Zusammenhang, der sich auf sich selbst und auf seine Welt bezieht. Er erkennt sich in seinem Körper, in seinen Gewohnheiten, in seiner Arbeit, in seinen Beziehungen und in der Anerkennung durch andere. Seine Identität besteht nicht darin, immer gleich zu bleiben. Sie besteht in der Fähigkeit, Veränderungen in die eigene Lebensgeschichte aufzunehmen.

Doch eine schwere Krankheit erschüttert gerade diese Fähigkeit. Sie verändert nicht nur einzelne Funktionen. Sie unterbricht den selbstverständlichen Zusammenhang zwischen Körper, Wille und Welt. Die Hand, die gestern noch gehorchte, liegt heute wie ein fremder Gegenstand auf der Bettdecke. Der Gedanke ist vorhanden, aber das Wort kommt nicht. Der Weg zur Tür ist sichtbar, doch der Körper vermag ihn nicht zurückzulegen.

Der Kranke erlebt sich als derselbe, ohne noch der Gleiche zu sein. Darin liegt sein Leiden.

Das Bewusstsein erinnert sich an ein früheres Können. Der Körper widerspricht. Die Umwelt erkennt den vertrauten Menschen und begegnet zugleich einer verstörenden Veränderung. Zwischen dem Früher und dem Jetzt öffnet sich ein Riss. Durch diesen Riss geht nicht notwendig die Identität verloren – aber ihre Selbstverständlichkeit.

Die falsche Hoffnung der Wiederherstellung

Die Rehabilitation spricht gern von Wiederherstellung. Das Wort ist verständlich, aber gefährlich. Es erweckt den Eindruck, man könne den früheren Menschen zusammensetzen wie eine Maschine: Kraft zurückgeben, Gangbild korrigieren, Sprache reparieren, Selbständigkeit rekonstruieren – bis der alte Zustand wieder erreicht ist.

Doch der frühere Zustand kehrt oft nicht zurück. Selbst eine erfolgreiche Rehabilitation führt nicht einfach zum Ausgangspunkt. Wer eine schwere Krankheit durchlebt hat, gewinnt vielleicht Funktionen zurück, aber nicht die Unschuld vor der Krankheit. Der Körper ist wieder beweglicher, doch er wird nun anders wahrgenommen. Eine Treppe ist nicht mehr bloss eine Treppe. Sie ist Möglichkeit und Gefahr, Erinnerung an das Versagen und Beweis des Wiedergewinns zugleich.

Wer den Erfolg der Rehabilitation daran misst, ob der Patient wieder der Gleiche geworden ist, kann deshalb nur enttäuscht werden. Er verwechselt Heilung mit Rückkehr und Identität mit Gleichheit.

Hegels Gedanke führt weiter: Wiederherstellung kann nicht bedeuten, das Geschehene auszulöschen. Das wäre eine abstrakte Negation, als hätte die Krankheit nie stattgefunden. Wirkliche Aufhebung bedeutet mehr. Das Verlorene wird negiert, aber die Erfahrung des Verlustes bleibt bewahrt und geht in eine neue Lebensform ein.

Der rehabilitierte Mensch ist daher weder einfach der alte noch ein völlig anderer. Er ist derselbe Mensch in einer veränderten Gestalt seines Lebens.

Der Geist des kranken Menschen

Was heisst es nun, in der Rehabilitation den Geist des kranken Menschen zu erkennen? Mit Geist meint Hegel keine geheimnisvolle Substanz, die irgendwo hinter dem Körper verborgen liegt. Geist ist das Vermögen, sich im Anderen wiederzufinden: in der eigenen Leiblichkeit, in den Dingen der Welt, in der Sprache, in der Arbeit und in anderen Menschen. Geist ist nicht etwas, das der Mensch besitzt. Er verwirklicht sich darin, wie ein Mensch handelt, sich versteht und anerkannt wird.

Die Krankheit schädigt diesen Geist nicht unbedingt unmittelbar. Aber sie nimmt ihm seine bisherigen Ausdrucksmöglichkeiten. Ein aphasischer Patient hat nicht notwendig weniger zu sagen, weil er weniger sagen kann. Ein gelähmter Mensch hat nicht weniger Willen, weil sein Arm ihm nicht folgt. Wer beim Waschen Hilfe benötigt, besitzt deshalb nicht weniger Würde oder weniger Selbstbestimmung.

Gerade hier droht der klinische Blick den Menschen zu verfehlen. Er sieht die Parese, die Aphasie, den Barthel-Index, den Unterstützungsbedarf. Er sieht Eigenschaften und vergleicht sie mit Normwerten. Damit erkennt er, inwiefern der Patient nicht mehr der Gleiche ist. Aber er hat noch nicht begriffen, wer derselbe Mensch ist.

Der Geist des Patienten zeigt sich nicht nur im messbaren Können. Er zeigt sich auch im Versuch, wieder handeln zu können; im Zorn über die Abhängigkeit; in der Scham, gewaschen zu werden; in der Weigerung, eine Hilfe anzunehmen; im hartnäckigen Wunsch, allein zur Toilette zu gehen. Was aus organisatorischer Sicht als mangelnde Kooperation erscheint, kann der verzweifelte Versuch eines Menschen sein, seine Identität zu behaupten.

Er sagt vielleicht nicht ausdrücklich: „Ich möchte in meinem veränderten Körper wieder bei mir selbst sein.“ Er sagt: „Lassen Sie mich.“ Oder: „Ich kann das allein.“ Manchmal sagt er gar nichts und zieht nur die Hand zurück. Auch darin spricht der Geist.

Rehabilitation als Arbeit der Vermittlung

Rehabilitation behandelt deshalb nicht bloss Funktionen. Sie vermittelt zwischen dem Menschen, der jemand war, dem Menschen, der er jetzt ist, und dem Menschen, der er noch werden kann.

Die Physiotherapie behandelt nicht nur das Bein. Sie eröffnet dem Menschen erneut einen Raum, in dem er handeln kann. Die Ergotherapie übt nicht bloss Verrichtungen. Sie verwandelt Gegenstände wieder in Werkzeuge des eigenen Willens. Die Logopädie produziert nicht nur Wörter. Sie gibt dem Menschen eine Stimme in der gemeinsamen Welt zurück. Die Pflege gleicht nicht lediglich Defizite aus. Sie muss täglich neu entscheiden, wo Hilfe notwendig ist und wo Hilfe gerade jene Selbständigkeit verhindert, die sie fördern will.

Rehabilitation ist daher Arbeit am Dazwischen: zwischen Abhängigkeit und Autonomie, Vergangenheit und Zukunft, Unterstützung und Zumutung, biologischer Schädigung und gelebtem Leben.

Dieses Dazwischen lässt sich nicht vollständig standardisieren. Leitlinien können sagen, welche Therapie wirksam ist. Scores können Fortschritte sichtbar machen. Behandlungspfade können Abläufe ordnen. Aber kein Messinstrument entscheidet, welche Veränderung ein bestimmter Mensch in seine Identität aufnehmen kann und welche Lebensform für ihn noch als seine eigene erkennbar bleibt.

Das verlangt Urteilskraft. Es verlangt, im beeinträchtigten Menschen nicht nur einen Zustand, sondern eine Bewegung zu sehen.

Anerkennung: Derselbe für die anderen

Der Mensch kann seine Identität nach schwerer Krankheit nicht allein bewahren. Er ist darauf angewiesen, dass andere ihn als denselben anerkennen.

Die Angehörigen spielen dabei eine widersprüchliche Rolle. Sie sind Träger seiner Geschichte, aber manchmal auch Gefangene seines früheren Bildes. Sie erinnern sich daran, wie er ging, sprach, entschied und lachte. Diese Erinnerung kann Halt geben. Sie kann aber auch zum Massstab werden, an dem jede neue Möglichkeit als ungenügend erscheint. „Er ist nicht mehr der Gleiche“, sagen sie.

Vielleicht muss die Rehabilitation antworten: Nein, er ist nicht mehr der Gleiche. Und er wird es womöglich nie wieder sein. Aber suchen wir deshalb nicht vorschnell nach einem anderen Menschen. Versuchen wir vielmehr zu erkennen, wie derselbe Mensch sich nun anders ausdrückt.

Diese Anerkennung ist nicht sentimentale Beschwichtigung. Sie leugnet weder Defizite noch Verluste. Sie behauptet nicht, alles sei irgendwie noch wie früher. Gerade das wäre grausam. Anerkennung heisst, die Differenz wahrzunehmen, ohne aus ihr den Verlust der Person abzuleiten.

Der Patient bleibt derselbe nicht, weil sich nichts Wesentliches verändert hätte. Er bleibt derselbe, indem er sein verändertes Leben – mit Hilfe anderer – zu seinem Leben machen kann.

Damit verändert sich auch das Ziel der Rehabilitation. Sie führt den Menschen nicht einfach zurück. Das Wort „Rückkehr“ ist räumlich zu bequem für eine zeitliche Wirklichkeit. Niemand kehrt hinter das Ereignis seiner Krankheit zurück. Der Weg führt vorwärts, selbst wenn er Elemente des früheren Lebens wiedergewinnt.

Das Ziel lautet deshalb nicht: wieder der Gleiche werden. Es lautet: als derselbe weiterleben können.

Das kann bedeuten, wieder zu gehen. Es kann aber auch bedeuten, einen Rollstuhl so selbstverständlich zu gebrauchen, dass er nicht länger bloss Zeichen des Verlustes, sondern Mittel eigener Bewegung ist. Es kann bedeuten, wieder flüssig zu sprechen. Oder eine neue Form des Ausdrucks zu finden. Es kann heissen, in den Beruf zurückzukehren. Oder anzuerkennen, dass ein anderes Tätigsein das eigene Leben nicht weniger wirklich macht.

Der Erfolg liegt nicht allein in der grösstmöglichen Annäherung an einen früheren Normzustand. Er liegt in der Entstehung eines neuen Zusammenhangs, in dem der Mensch sich wiedererkennen kann.

Die Planken des Lebens

Vielleicht ist der menschliche Körper tatsächlich ein Schiff des Theseus. Krankheit, Therapie und Zeit ersetzen seine Planken. Manche lassen sich reparieren, andere müssen aufgegeben werden, wieder andere werden durch etwas ersetzt, das es früher nicht gab. Doch der Mensch ist weder die Summe seiner alten noch die seiner neuen Bretter. Er ist die Geschichte, die sich durch ihre Unterbrechungen hindurch fortsetzt. Er ist die Beziehung zwischen Erinnerung und Erwartung, zwischen eigenem Willen und fremder Hilfe. Er ist nicht einfach das, was unverändert geblieben ist, sondern auch das, was sich verändern musste, um fortbestehen zu können.

Hegel lehrt uns deshalb, Identität nicht als Besitz, sondern als Vollzug zu denken. Wirkliche Identität ist die Fähigkeit, im Anderswerden bei sich zu bleiben. Für die Rehabilitation folgt daraus eine ebenso einfache wie anspruchsvolle Maxime:

Sie soll den Kranken nicht darauf reduzieren, was an ihm nicht mehr gleich ist. Sie soll in seinen Veränderungen nach dem Menschen suchen, der darin derselbe bleibt.

Und vielleicht besteht ihre höchste Aufgabe nicht darin, den früheren Menschen wiederherzustellen. Vielleicht besteht sie darin, ihm dabei zu helfen, ein verändertes Leben wieder in der ersten Person aussprechen zu können: Das bin noch immer ich.