Die Wissenschaft hat eine eigentümliche Neigung: Je erfolgreicher ihre Begriffe werden, desto leichter vergisst sie, dass es Begriffe sind. Was gestern noch Modell hiess, tritt morgen als Wirklichkeit auf. Das Gehirn „verarbeitet Informationen“, es „berechnet Vorhersagefehler“, es „konstruiert Realität“. Solche Sätze können empirisch hervorragend begründet sein. Und doch enthalten sie mehr als Messergebnisse. Sie enthalten eine bestimmte Weise, das Gehirn zu denken. Gerade der Erfolg einer Theorie kann diese Differenz unsichtbar machen. Hier könnte eine alte Denkfigur überraschend nützlich werden: die romantische Ironie Friedrich Schlegels. Nicht als Spott über Wissenschaft und schon gar nicht als Einladung zum Relativismus. Sondern als epistemische Haltung: Eine Bestimmung ernst nehmen und zugleich wissen, dass sie eine Bestimmung ist.
Das schaffende Ich
Bei Fichte beginnt Erkenntnis nicht mit einem passiven Bewusstsein, in das die Welt ihre Bilder legt. Das Ich ist Tätigkeit. Es unterscheidet, begrenzt, verbindet. Etwas wird für uns zu etwas Bestimmtem. Die moderne Wahrnehmungsforschung liefert dafür Bilder, die Fichte nicht kennen konnte. Zwei physikalisch gleiche Grautöne erscheinen verschieden, wenn einer im Schatten liegt. Zwei gleich grosse Gegenstände erscheinen verschieden gross, wenn perspektivische Hinweise ihre Umgebung verändern. Ein amputierter Arm kann weiterhin schmerzen. Bewegung kann dort erscheinen, wo sich physikalisch nichts bewegt.
Das beweist Fichte nicht. Aber es illustriert seine grundlegende Intuition: Wahrnehmen ist kein Kopieren. Zwischen Reiz und wahrgenommener Welt liegt Tätigkeit. Heute suchen wir sie nicht mehr im transzendentalen Ich, sondern in neuronalen Mechanismen, multisensorischer Integration, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Vorhersagemodellen. Die philosophische Frage aber bleibt erstaunlich ähnlich: Wie wird etwas für uns als etwas bestimmt?
Mach räumt das Ich aus dem Weg
Ernst Mach misstraute gerade diesem Ich. Warum sollte hinter den Erscheinungen noch eine besondere Substanz stehen, die sie wahrnimmt? Warum die Welt verdoppeln in Gegenstände dort draussen und Vorstellungen hier drinnen?
Mach wollte zunächst bei den Elementen und ihren funktionalen Abhängigkeiten bleiben. Farbe, Raum, Zeit, Druck, Wärme: Entscheidend ist, in welchen Relationen sie auftreten und wovon ihre Veränderungen abhängen. Selbst das Ich verliert seine privilegierte Stellung. Es wird zu einem relativ stabilen Komplex von Elementen.
Damit vollzieht Mach eine bemerkenswerte Operation. Er beseitigt nicht die Relationalität, sondern den privilegierten Relationsträger. Nicht mehr: Ich erkenne die Welt. Sondern: Elemente stehen in funktionalen Abhängigkeiten.
Darin liegt eine der Wurzeln des späteren wissenschaftlichen Empirismus. Wissenschaft soll nicht hinter den Erscheinungen nach metaphysischen Wesenheiten suchen, sondern die Beziehungen möglichst sparsam beschreiben.
Und doch kehrt das von Mach vertriebene Problem zurück. Denn funktionale Abhängigkeit erklärt noch nicht ohne weiteres das kleine Wort „als“.
Wie kommt es, dass eine Konfiguration von Farbe und Form nicht bloss als Konfiguration erscheint, sondern als Gesicht? Wie wird ein Geräusch zum Wort, ein Gesicht zum Freund, eine Bewegung zur Drohung? Das Ich mag unrettbar sein. Das Problem der Bedeutung ist es nicht.
Das Gehirn kehrt als Konstrukteur zurück
Die heutige Neurowissenschaft ist in dieser Hinsicht eine merkwürdige Verbindung von Mach und Fichte. Methodisch ist sie häufig machianisch. Sie sucht messbare funktionale Beziehungen. Sie benötigt keine metaphysische Seele und kein substantielles Ich.
In ihrem Modell der Wahrnehmung aber wird sie überraschend fichteanisch. Das Gehirn erscheint nicht länger als passiver Empfänger von Reizen. Es integriert, ergänzt, gewichtet und antizipiert. In Theorien des predictive processing erzeugt es Modelle darüber, was die Ursachen seiner sensorischen Signale sein könnten, und korrigiert diese anhand von Abweichungen. Aus dem schaffenden Ich ist ein schaffendes Gehirn geworden.
Und genau an dieser Stelle sollte man misstrauisch werden. Nicht gegenüber der Neurowissenschaft. Gegenüber der Selbstverständlichkeit ihrer Sprache.
Denn warum sprechen wir überhaupt von „Information“, „Verarbeitung“, „Codierung“, „Modellen“ und „Vorhersagefehlern“? Ein Neurowissenschaftler des Jahres 1880 hätte sein Gehirn nicht in diesen Begriffen beschrieben. Nicht weil ihm nur einige Experimente fehlten. Ihm fehlte eine ganze begriffliche Welt: Informationstheorie, Kybernetik, Computerwissenschaft, statistische Modellierung. Unsere wissenschaftlichen Tatsachen besitzen eine Geschichte. Aber auch die Sprache, in der sie Tatsachen werden, besitzt eine.
Die Genealogie und Archäologie unserer Gewissheiten
Hier beginnt eine andere Art von Wissenschaftsgeschichte. Man fragt nicht mehr nur: Wer entdeckte was zuerst? Sondern: Wie wurde es möglich, etwas überhaupt auf diese Weise zu denken?
Kant fragte nach den Bedingungen möglicher Erfahrung. Fichte machte die Bestimmung zur Tätigkeit des Ich. Mach löste das Ich in funktionale Zusammenhänge auf. Helmholtz sprach von unbewussten Schlüssen. Die Gestaltpsychologie entdeckte Ordnungsleistungen der Wahrnehmung. Kybernetik und Informationstheorie lieferten eine neue Sprache für Regelkreise und Information. Der Kognitivismus sprach von Repräsentationen und Informationsverarbeitung. Heute sprechen wir von generativen Modellen und Prediction Errors. Das ist keine gerade Fortschrittslinie. Es sind Sedimente. Unsere Gegenwart denkt mit Begriffen, deren Geschichte sie im alltäglichen Gebrauch nicht mehr mitdenkt.
Michel Foucault würde hier die Frage verschärfen: Welche historische Ordnung des Wissens macht bestimmte Aussagen überhaupt sagbar, prüfbar und wissenschaftlich plausibel? Die Archäologie fragt nicht nur nach der Wahrheit einer Aussage. Sie untersucht den Boden, auf dem eine solche Aussage als mögliche Wahrheit erscheinen konnte. Damit wird Wissenschaft nicht widerlegt. Sie wird historisch sichtbar.
Schlegels Einspruch
Friedrich Schlegel geht noch anders vor. Er gräbt nicht unter der Aussage. Er bringt sie dazu, sich in sich selbst umzudrehen. Nehmen wir den heutigen Satz: Das Gehirn konstruiert die wahrgenommene Welt. Eine schlegelsche Wendung könnte lauten: Das Gehirn konstruiert die Welt – so jedenfalls konstruiert sich unsere gegenwärtige Wissenschaft das Gehirn, das die Welt konstruiert.
Der Satz ist nicht deshalb ironisch, weil die Neurowissenschaft lächerlich gemacht würde. Das Gegenteil ist der Fall. Ihre Behauptung wird zunächst vollständig ernst genommen. Dann wird ihre eigene Operation auf sie zurückgewendet.
Wenn Wahrnehmung konstruktiv ist, dann sind Wissenschaftler selbst wahrnehmende und denkende Wesen. Wenn das Gehirn Modelle bildet, dann ist auch die neurowissenschaftliche Theorie ein Modell, das von Gehirnen gebildet wird. Wenn Erkenntnis perspektivisch organisiert ist, kann die Theorie der perspektivischen Organisation nicht einfach so tun, als stünde sie ausserhalb aller Perspektiven.
Die Theorie gerät in ihren eigenen Gegenstandsbereich. Das ist epistemische romantische Ironie.
Setzen und zurücktreten
Schlegels Ironie besteht nicht darin, nichts mehr zu behaupten. Sie besteht in einer Doppelbewegung: setzen – und die Setzung als Setzung erkennen.
Der Arzt sagt: Das ist eine Depression. Er muss diesen Satz sagen können. Ohne Bestimmung gibt es keine Diagnostik, keine Entscheidung, keine Therapie.
Die epistemische Ironie verlangt nicht: Vielleicht ist es auch keine Depression, wer weiss schon irgendetwas? Das wäre blosse Unverbindlichkeit.
Sie fügt vielmehr eine zweite Bewusstseinsebene hinzu: Ich bestimme diesen Zustand mit guten Gründen als Depression – und weiss zugleich, dass ich damit heterogene Erfahrungen unter einen historisch entstandenen Begriff bringe.
Die Diagnose wird dadurch nicht schwächer. Sie wird reflexiver.
Man könnte die Bewegung deshalb so formulieren: Fichte: Etwas wird als etwas bestimmt. Schlegel: Wir können erkennen, dass wir etwas als etwas bestimmt haben. Epistemische romantische Ironie: Wir bestimmen weiter – aber wir vergessen die Differenz zwischen unserer Bestimmung und der Sache nicht.
Weder Positivismus noch Relativismus
Damit eröffnet sich eine Position zwischen zwei bequemen Extremen. Das erste lautet: So ist die Wirklichkeit. Das zweite: Alles ist nur Konstruktion. Beide beenden die Reflexion erstaunlich schnell.
Der naive Positivismus verwechselt die gegenwärtig beste Beschreibung mit der Sache selbst. Der naive Konstruktivismus verwechselt die Geschichtlichkeit unserer Beschreibung mit ihrer Beliebigkeit.
Romantische Ironie verweigert beide Abkürzungen.
Eine Theorie kann empirisch besser sein als eine andere. Sie kann präzisere Vorhersagen machen, mehr Phänomene erklären und experimentelle Prüfungen bestehen. Dass sie historisch entstanden ist, macht sie nicht falsch.
Aber auch die beste Theorie bleibt Theorie. Die Landkarte kann immer besser werden, ohne jemals aufzuhören, Landkarte zu sein.
Die wissenschaftliche Tugend des Vorbehalts
Vielleicht besitzt romantische Ironie deshalb eine überraschende Nähe zur guten Wissenschaft selbst, denn wissenschaftliche Erkenntnis lebt von der Möglichkeit, dass der nächste Versuch anders ausgeht. Eine Hypothese, die prinzipiell nicht mehr korrigiert werden kann, hat sich bereits aus dem wissenschaftlichen Spiel verabschiedet. Doch diese Vorläufigkeit wird gewöhnlich auf einzelne Resultate bezogen: Unsere Zahl könnte falsch sein.
Die epistemische romantische Ironie geht tiefer: Auch die Begriffe, mit denen wir überhaupt Zahlen erheben, könnten eines Tages anders geordnet werden. Nicht nur die Antwort ist vorläufig. Unter Umständen verändert sich die Frage. Was heute als „Depression“, „Intelligenz“, „Bewusstsein“, „Information“ oder „Krankheit“ wissenschaftlich untersucht wird, könnte in hundert Jahren in anderen begrifflichen Schnitten erscheinen. Die Phänomene verschwinden deshalb nicht. Aber die Ordnung, in der sie uns als Gegenstände erscheinen, kann sich verändern.
Die Ironie des Gehirns
Vielleicht ist deshalb das Gehirn selbst das schönste gegenwärtige Beispiel. Jahrhundertelang suchte der Mensch nach dem Subjekt seiner Erkenntnis. Fichte fand es in der Tätigkeit des Ich. Mach erklärte das Ich für unrettbar. Die Neurowissenschaft zerlegte es in neuronale Prozesse – und setzte an seine Stelle ein Gehirn, das Wahrnehmungen konstruiert, Hypothesen bildet und Modelle der Welt erzeugt.
Das alte Subjekt ist verschwunden. Seine Tätigkeit ist geblieben. Vielleicht sollte uns gerade das vorsichtig machen. Denn möglicherweise wird eine spätere Wissenschaft auch unsere Rede vom „prädiktiven Gehirn“ als historische Denkfigur erkennen. Sie wird unsere Experimente nicht notwendig verwerfen. Aber sie könnte erstaunt darüber sein, wie selbstverständlich wir glaubten, Begriffe aus Statistik, Informatik und Maschinenlernen bezeichneten Eigenschaften, die im Gehirn einfach darauf gewartet hätten, entdeckt zu werden. Dann wird aus unserer gegenwärtigen Gewissheit selbst ein historisches Dokument.
Schlegels Ironie antizipiert diesen zukünftigen Blick bereits in der Gegenwart. Sie verlangt eine eigentümliche geistige Beweglichkeit: so bestimmt zu denken, als müsse man recht haben, und so reflexiv zu denken, als könnte auch die Form des eigenen Rechthabens geschichtlich werden.
Das ist keine Schwäche der Erkenntnis. Es könnte eine ihrer reifsten Formen sein.