Essays
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- Vom UnterlassenUnterlassen wir bewusst, weil wir besser urteilen – oder unterlassen wir unbewusst, weil wir weniger leisten können?25 Min. Lesezeit
- Die epistemische romantische IronieDie Wissenschaft hat eine eigentümliche Neigung: Je erfolgreicher ihre Begriffe werden, desto leichter vergisst sie, dass es Begriffe sind. Was gestern noch Modell hiess, tritt morgen als Wirklichkeit auf. Das Gehirn „verarbeitet Informationen“, es „berechnet Vorhersagefehler“, es „konstruiert Realität“. Solche Sätze können empirisch hervorragend begründet sein. Und doch enthalten sie mehr als Messergebnisse. Sie enthalten eine bestimmte Weise, das Gehirn zu denken. Gerade der Erfolg einer Theorie kann diese Differenz unsichtbar machen. Hier könnte eine alte Denkfigur überraschend nützlich werden: die romantische Ironie Friedrich Schlegels. Nicht als Spott über Wissenschaft und schon gar nicht als Einladung zum Relativismus. Sondern als epistemische Haltung: Eine Bestimmung ernst nehmen und zugleich wissen, dass sie eine Bestimmung ist.7 Min. Lesezeit
- ÖkonoexistenzialismusZuerst rechnet der Mensch mit dem Geld. Dann rechnet das Geld in ihm. Begriffe wie Kapital, Investition, Rendite, Laufzeit und Fälligkeit bezeichnen längst nicht mehr nur wirtschaftliche Vorgänge. Sie prägen auch, wie wir unsere Fähigkeiten entwickeln, unsere Beziehungen beurteilen und über die Zukunft verfügen. Wir investieren in Bildung, verwalten unsere Kräfte, erwarten einen Ertrag von Erfahrungen und sprechen sogar vom „Zeitbudget“. Diese Rückwirkung ökonomischer Kategorien auf das menschliche Selbstverhältnis soll hier Ökonoexistenzialismus heissen. Er beginnt dort, wo der Mensch nicht mehr nur wirtschaftlich handelt, sondern seine Existenz nach den Denkformen des Geldes auslegt. Im Folgenden geht es um eine besonders folgenreiche dieser Denkformen: den Zins. Er verbindet Geld und Zeit, Gegenwart und Zukunft, Verzicht und Erwartung. Wer Zinsen verlangt, bewertet die Dauer. Wer einen zukünftigen Betrag abzinst, übersetzt Zukunft in Gegenwartswert. Überträgt man diese Logik auf das menschliche Leben, entstehen zwei finanzexistenzielle Kuriositäten. Die erste ist ein Irrtum: Wir zinsen unsere Möglichkeiten ab, als würden sie später sicher ausgezahlt. Die zweite bezeichnet eine tiefere Wahrheit: Während wir warten, verzinst die Natur unser Leben. Wir zahlen mit Zeit, Kraft und Erinnerung.9 Min. Lesezeit
- Vom Verlust der Welt und der Wiederentdeckung des DazwischenDie neuzeitliche Philosophie lässt sich als eine eigentümliche Wanderung beschreiben. Sie beginnt mit einer scheinbar einfachen Frage: Was kann ich mit Gewissheit wissen? Und sie endet, zumindest vorläufig, mit einer ganz anderen Frage: Was bedeutet es überhaupt, in einer Welt zu sein? Mit dieser Wanderung verändert sich nicht nur das Verständnis des Bewusstseins. Es verändert sich auch die Stellung des Menschen zur Wirklichkeit.4 Min. Lesezeit